Von Nord nach Süd im Reunification-Express

In drei Wochen sind wir jetzt einmal von Hanoi bis Ho-Chi-Minh-City gefahren. Vietnam einmal von Nord nach Süd. Fortbewegt haben wir uns dabei - bis auf ein kleines Teilstück - immer im Reunification-Express, der Bahnlinie, die sich komplett durch Vietnam erstreckt.


Die Strecke ist insgesamt 1.726 km lang und wenn man sie an einem Stück fährt, braucht man zwischen 30 und 35 Stunden. Der Bau der Nord-Süd-Strecke wurde unter der französischen Kolonialherrschaft 1899 begonnen und 1936 fertig gestellt. Damals benötigte man für die gesamte Strecke 60 Stunden. Die Bahnstrecke wurde während dem zweiten Weltkrieg (damals gegen die Japaner), im ersten Indochina-Krieg (gegen die Franzosen) und schließlich im Vietnamkrieg (gegen die USA bzw. Viet-Minh) schwer beschädigt. Nach dem Ende des Vietnam-Krieges und der Wiedervereinigung von Süd- und Nord-Vietnam im Jahr 1975 wurde die Strecke wieder saniert und konnte Ende 1976 wieder eröffnet werden - als Zeichen der Wiedervereinigung als Reunification-Express. Heute ist die Strecke in einem schlechten Zustand. Das hat auch die Politik erkannt. Deshalb wird zur Zeit überlegt, eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke zu bauen. Damit soll die Strecke zwischen Hanoi und Ho-Chi-Minh-City in nur acht Stunden zu bewältigen sein. Das ist allerdings wirklich noch Zukunftsmusik (siehe Zeitungsartikel VN-Express) und wird wohl - für die gesamte Strecke - frühestens 2040 Realität. Wie auch in Deutschland wird in Vietnam zur Zeit mehr Geld in die Straße als in die Schiene investiert, aber mit diesem Projekt kann sich das ändern. Bis es soweit ist, muss man mit dem gemütlich dahin tuckerndem Zug vorlieb nehmen.

Reisfelder

Die Strecke ist, man muss es so sagen, größtenteils unspektakulär. Aber gut, wie soll ein Land auch über seine gesamte Strecke nur Highlights bieten. Meistens fährt man durch idyllische Reisfelder, in denen Vietnamesen mit den klassischen konischen Hüten arbeiten. Von Nord nach Süd sieht man auch wie unterschiedlich die Felder aussehen. Im Norden war junger Reis zu sehen. In der Mitte wurde oder war der Reis schon geerntet. Die Felder waren entweder noch schön gelb oder gerade abgeerntet. Im Süden wurden die Felder schon wieder neu bepflanzt, so dass wir die kleinen Setzlinge wieder gesehen haben, die wir aus Indonesien kannten.

Wolkenpass

Der spektakulärste Abschnitt der Zugfahrt ist die Passage über den Wolkenpass, den man zwischen Hue und Da Nang überquert. Der Zug quält sich den Pass mit um die 20 km/h hoch. Es geht durch Tunnel und über schmale Brücken. Wie fast überall ist die Strecke nur einspurig. Der Wolkenpass trennt Vietnam klimatisch: nördlich ist es heiß, südlich ist es schwül-heiß. Die Gleise verlaufen am Hang entlang. Auf der einen Seite bieten sich spektakuläre Blicke zum Meer, das in herrlichem Blau da liegt. Auf der anderen Seite sieht man wie weit es noch den Berg hinauf geht. Zum empfehlen ist bei der Buchung unbedingt ein Sitzplatz zur Meer-Seite.


Einen Tag später sind wir auch mit dem Moped den Wolkenpass hinauf gefahren und hatten Glück, dass wir von einem Aussichtspunkt einen Zug gesehen haben, der gerade die Strecke entlang gefahren ist. Die Strecke für Autos verläuft noch deutlich höher und ist ohne Tunnel zu bewältigen. Es gibt aber auch eine relativ neue Strecke für den Autoverkehr, die durch einen langen Tunnel führt. Hierdurch fährt der hauptsächliche Transitverkehr, so dass die Strecke über den Pass nicht überfüllt ist.

Zug

Die Buchung von Plätzen ist im Vergleich zum Streckenzustand schon modern. Entweder kann  man es altmodisch am Ticketschalter im Bahnhof machen (man benötigt immer seinen Pass) oder aber man bucht die Tickets bequem online. Dies geht beispielsweise auf der Buchungsseite baolau.com. Die Tickets kann man sich dann einfach aufs Smartphone laden und beim Check-in im Bahnhof vorzeigen. Hat immer ohne Probleme geklappt. Es gibt für weitere Strecke oder Nachtfahrten Schlafwagenabteile. Da wir aber immer tagsüber und maximal acht Stunden gefahren sind, saßen wir nur in den normalen Zugabteilen. Gebucht haben wir da immer die "soft-seat"-Klasse oder sogar "premium-soft-seat". Es gibt noch eine "hard-seat"-Klasse, in der man aber auf wirklichen Holzbänken sitzt. Bei der eher wackeligen Fahrweise der Züge wäre das keine gute Wahl (die Bahn wird wohl auch als TGV bezeichnet: Train à Grande Vibration). Die Soft-seats sind ok. Die Abteile sind dazu noch klimatisiert und es läuft eine Bordunterhaltung. Außer Tom&Jerry und schöner vietnamesicher Musik versteht man davon aber nicht viel. Im Railway-TV laufen sonst vietnamesische Comedy, Spielfilme, Dokumentationen und Werbung. Das ganze meistens zu laut.

Fahrplan

Es fahren täglich mehrere Züge. In den Norden fahren die geraden SE Nummern. Da wir nur Richtung Süden unterwegs waren, haben wir natürlich nur die ungeraden SE genutzt. SE steht wohl für Super Express - es bleibt wohl für immer ein Geheimnis, wer sich den Namen ausgedacht hat und vor allem warum. Manche Züge sind zwar ein wenig schneller als andere, da sie an weniger Bahnhöfen halten, also ähnlich wie bei der Zugstrecke Köln - Frankfurt. Als Super Express kann man aber auch diese nicht bezeichnen...


Durch die Zugabteile laufen immer wieder Verkäufer von Snacks und Getränken, in manchen Zügen gibt es auch einen Bistro-Wagen. Verkauf wird natürlich alles in Plastik, das dann entweder direkt aus dem Zug geschmissen wird oder vom Zugpersonal zusammen gefegt wird und dann aus dem Zug geschmissen wird. Neben der Zugstrecke sieht es also meistens entsprechend aus.

Was sehr positiv anzumerken ist, ist die konstant gute Versorgung mit Mobilfunk. Während der ganzen Strecke gab es nicht einmal ein Funkloch, so dass man immer mobil surfen konnten. Das ist deutlich besser als bei der Deutschen Bahn. Auch sonst ist die Internetverbindung in allen Unterkünften, in denen wir waren immer sehr exzellent. Auch von der Pünktlichkeit der Züge waren wir positiv überrascht. Einmal hatten wir eine halbe Stunde Verspätung, ausgefallen ist kein Zug. Also alles in Ordnung.

Nach unseren Streckenabschnitten: Hanoi - Ninh Binh, Ninh Binh - Dong Hoi, Dong Hoi - Hue, Hue - Da Nang, Da Nang - Tuy Hoa, Tuy Hoa - Nha Trang (dann ging es mit dem Bus nach Da Lat und von dort nach Mui Ne bzw. Phan Thiet), Phan Thiet - Ho-Chi-Minh sind wir dann gut im Ga Sai Gon, wie der Bahnhof in Ho-Chi-Minh immer noch heißt, angekommen. Die Zugfahrt kann man sehr empfehlen, weil es gemütlich durchs Land geht. Von Mare TV gibt es auch eine schöne Dokumentation über den Reunification-Express, die man vielleicht in der Mediathek vom NDR findet.

In Ho-Chi-Minh-Stadt haben wir uns dann vom Zug verabschiedet. Jetzt geht es im Süden und nach Kambodscha mit dem Bus weiter.  

Tim
30.08.2018 - 18.09.2018
Vietnam, Zug


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